Die Späten Alben
Rashōmon

Schlagzeile einer schottischen Zeitung
aus dem Jahr 1912:
„Aberdeen Man Lost at Sea“.
Anlass war der Untergang der Titanic.


Niklas Lumann, Die Realität der Massenmedien.
rhein iii

beeck ruhrort hochfeld wannheimerort d’dorf
rhein rhein rhein rhein rhein rhein rhein rhein
rhein kahn rhein rhein rhein rhein rhein rhein
rhein rhein rhein rhein kahn rhein rhein rhein
rhein rhein rhein rhein rhein rhein rhein rhein
baerl homberg rheinhausen uerdingen neuss
marienfäden

dies gedicht sei ein bild
wie ich die wohnung betrete
liegt eine leiche im keller
die buchstaben sind spinnen

sie fliegen im spätsommerlicht
und sie geben den satz ein
der geifer des bösen ist überall

unfall an der kreuzung
auf die meine wohnung sieht
an der großen tafel gegenüber
wird die werbung gewechselt

dies gedicht sei magie
dies gedicht sei ein unfall
eine grausame kunst
im inneren objekt

der lüftungsschacht ersetzt
dem ohr das fenster das
öffnen und schließen
der türen die nachbarn

machen musik die paradiese
der natur sie wollen ausdruck
ich bin im inneren objekt
mein klo hat keine fenster

die anonyma kitzeln das
methodische gespür (dies
gebell ist hasso das kritzeln
auf papier bin ich)
poetik

jedes gedicht ist ein liebes
gedicht jedes gedicht ist teil

einer affäre einer beziehung
jedes gedicht ist eine und oft
keine kommunikation es gibt
nichts als wörter in gedichten

die liebe ist nicht hier sie ist
in körpern zungen zähnen da
in lippen in der stimme wird sie
ganz von selbst zu text jedes

gedicht ist ein liebesgedicht
eine unvollkommene sünde
raupe

schichtwechsel raus
aus dem wagen wir sind dran
rein ins vergnügen bügel runter

der typ im kabuff hörts quasseln
nicht auf da wummert der sommer
hit es fährt und wird schneller
haare fliegen die brille macht

sorgen da hab ich was warmes
in der hand es ist eine hand man
kommt ins dunkel man knutscht
fühlt sich feucht da wird es

langweiliger und im licht auf
einmal ist es vergangen
schichtwechsel raus
orsoy

denk ich an orsoy denk ich an fähre
schmuggel über den rhein: calvinistische
bibeln produkte aus holland. zwischen
den gräsern links und rechts ist ein unter

schied. schafe erläutern systemtheorie
den blick zum rhein gewandt (a difference
that makes a difference
) wir fressen gras
und grinsen

nachmittage an denen die schifffahrt ruht
die zeitung aufs gesicht gelegt. die sauer
stoffversorgung lauscht. das gleich
gewichtsorgan stockt. wohin geht es?

in die differenz antwortet mit einem
grinsen der fährmann das seinen kiefer frei
legt und du fällst um. indianer spielende
kinder haben treidler skalpiert der kahn

treibt ab (rammte bei orsoy die fähre.
personen kamen nicht zu schaden
)
abgetanzt

ich kann nur sinn verarbeiten und was
kein sinn sein will das fass ich an und
schwupp hat's einen namen und die per
sonen um mich herum meinetwegen

an der bushaltestelle sind das personen?
und wenn es personen sind was sind dann
personen? der nahverkehr kommt immer
zu kurz. ich könnte mich auch nackt aus

ziehen ich wär immer noch sinn und wozu
lohnt es sich den mund aufzumachen es
bleibt ja alles beim alten dieselbe tanz
veranstaltung von der man kommt und
nach hause fährt und sich ins bett legt

und schläft und der wecker klingelt und
eine person hat sinn gekocht mit der sinn
maschine und an sinn hat man sich die
zunge verbrannt und man könnte auf

den fernverkehr umsteigen den rhein
überqueren und hinter dem rhein
ist immer noch ein rhein der
rhein ist mein horizont
kein meer

von fern vertut man sich: hier das
ist ein ‘o’ – kein ‘u’ – und das hier
ist das ich: prozess – nicht ding –
aus selbst und fremd bezug

ich mach mal den vergil: das leben
ist ein auf und ab (c'est tout?):
da unten sehen sie maläste und
zur krönung – oben – haarspitzen

katarrh: das ist mein material
so lernte ich anfahren am berg --
alternativ fährt hier die straßenbahn
ein mehr gemeinschaftliches sitzen

und das hier ist kein meer – es ist
ein fluss – er mündet weiter drüben

(für Thorsten Krämer)
rose

hier ist die rose die erste
einer reihe und die rose

heißt rose und ist keine
rose sie ist eine kneipe
die erste einer reihe und

sie heißt rose und sie ist
keine kneipe sie ist ein
leerstehendes ladenlokal

das erste einer reihe und
es heißt rose und es ist
kein ladenlokal es ist eine

baulücke die erste einer
reihe und sie heißt rose
perverser park

komm komm gestottert wird
der park die hosen runter auf

den arsch nur munter knaben
haben rote bäckchen kichern
und verfallen auf wer weiß

nicht was für paviansideen aus
ungeahnten löchern lösen sich
berichterstatter die notieren

und sich dann auf allen vieren
im fliederbusch verziehen
im falschen viertel

im falschen regt sich schlaf
im falschen fliegen flaschen

die zähne morsch brüllts un
gewaschen sau! im falschen
viertel halb und halb nur in

den falschen hals gekracht in
den verrenkten aus der wäsche
rausgedrehten und betreten

schweigts im falschen schlaf
du flasche: es wird schwer
gesualdo

zum frühstück hammelniere und
gesualdos mordgeschichte

wo auf den stufen des palastes
leichenteile stinken chromatische
musik von mauern widerhallt

wir hören leise beim geschehen
im keller masochisten schreien
schließen die augen und lauschen

zum frühstück gesualdo und
zarter urindunst am gaumen dazu
in imola

leonardo erklärt den vetruvischen mann
und niccolò staunt als cesare den raum

betritt wird geschwiegen leonardo sagt
er bring uns die pläne und sie studieren
stadtbefestigung und niccolò zieht sich

zurück und bewundert im schatten der
schwärme von fliegen vorm fenster die
methoden des principe leonardo geht

später spazieren wo es weniger stinkt
und zeichnet vogelschwärme im flug
das unsichtbare bild

wo ist das bild von dem alles
andere ausging: die panischen
blicke der pferde: immer wieder
die pferde: die aufgerissenen

augen: ein lautloses schreien
unter der haut: der wand gegen
über: badende beschauen sich

im spiegel: einen fuß auf dem
schemel: sie sehen ihre augen sich
weiten: aus blankem entsetzen
das unsichtbare bild

hier hinter ist das bild verborgen
die pigmente sagt der guide
hat man nachgewiesen aber
noch ist es nicht freigelegt

es zeigt ein wollknäuel aus pferden
auf ihrem rücken amüsiert sich
cosimos katze er lacht und geht
eine rauchen beim gespräch

enthüllt er dann: es sieht so aus
wie guernica beim luftangriff
wer will das sehen, man ahnt

und das genügt wer braucht denn
die stummen schreie der biester
das bringt sie auch nicht zurück
interview

wir sprechen mit dem meister der effekte
er baute die physikmaschine und gefragt

wozu die ganze kunst erzählt er von ver
brechen denen er zum opfer fiel er knackt
nüsse mit der bloßen hand er balanciert

die kerne auf dem finger sagt the lucky
dragon is still flying
unser blick schweift
über die regale mit den büchern der magie

dazwischen eingezwängt in einmachgläsern:
die fehlgeburten seiner meisterschaft
pudels kern

enrico hatte gewarnt aber keiner hörte
der pudel war so niedlich: bellte nur
wenn es angebracht war und machte

den clown wenn uns kinder besuchten
unbeobachtet hatte er böse gedanken
harry biss er in die hand sie verdorrte
und harry starb schon im monat darauf

als louis seine hand schützend über ihn
hielt biss er wieder zu louis starb zwei
wochen später. zeugen überlebten jahre
zum teil aber starben oft an den folgen

mehr vorsicht hatte enrico gefordert
doch keiner hörte auf ihn. es war doch
ein so nützlicher niedlicher pudel
entwurf

zum kontrapunkt aus vogelruf
kommt licht bis dass die nacht weg ist

musikprinzip ist wiederholen
bis dass gedanken tränen werden
und das gedächtnis das nie schläft
hat unsere träume angefallen

wir leben überhaupt nur noch
weil wir zu blöd gewesen sind
uns unsere wünsche zu erfüllen
wir sollten andere wünsche finden

der vogelruf geht wieder los
auch er entwurf von menschenhand

(nach Motiven von William Carlos Williams)
talisman

ich sag es dir nur einmal, merk es dir
du kannst aus deinem karma nicht heraus

auf allen vieren tastest du im dunkeln
und hörst wie unten jemand die türkette löst
du tastest hektisch im leeren und wünschst

du hättest nie gewünscht dein leben wär
kein minenfeld die wünsche keine krater
die tür ist auf und kälte kriecht herein

du kannst aus deinem karma nicht heraus
ich hab es dir gesagt, jetzt merk es dir
rachael

die implantierten bilder
schreien dich an enjoy
coca-cola im sommer

baut eine spinne ihr netz
vor dem fenster des zimmers
in dem du schläfst

im herbst enjoy coca-cola
siehst du die jungtiere
das muttertier fressen

und kehrst ohne zu wissen
wohin nach hause zurück
strangelove

in einer fernsehshow
in österreich beschreibt
ein überlebender wie er
zu überleben gedenkt

die kinder der mörder
sitzen mit offenem mund
und eine kaum gehemmt
fängt an zu heulen weinen

sie ruhig meine liebe
sagt er die welt ist doch
ein schauriger ort
granatfrucht

der krieg war ein textkörper
sacré-cœur akropolis tobruk

ein russe erschossen am see
am schluss das große sterben
fruchtfliegen die kameraden

der harte kern der textfrucht
ein granatsplitter im fleisch
der den nacken versteift und

nachts geräuschlos immerzu
auf den sargboden scheppert
brief

lieber herbert, jetzt ist alles
furchtbar ich höre nichts von dir
wir haben bald zweimal am tag
alarm da muss man laufen und

die stelle hab ich auch nicht mehr
ich muss jetzt in die produktion
zum steno bleibt da keine zeit
die einzige freude ist an dich

zu denken und die schönen tage
als du hier warst letztes jahr
am abend les ich alte briefe
und schreibe oft gedichte ab
remix

der aufstand wenn er kommt
kommt nicht im fernsehen

er macht deine lippen nicht sexy
er macht deine zähne nicht weiß
die frisur wird nicht sitzen du

machst insgesamt keine gute figur
der aufstand wird nicht gepostet
und sein erlebniswert ist null

er löst nicht das völlegefühl
er ist nicht bekömmlich niemand
sehnt sich nach ihm er kommt

wenn er kommt der aufstand
doch er kommt nicht im fernsehen
alles fliesst

die flüsse fließen grün und blau
zum meer und aus den ohren rot
heraus und aus den nasen augen
aus den körpern in die rein sie

erstmal fließen immer kreisrum
durcheinander eitrig unschön
und von bildern fast verstopft
ganz leise ohne klappern auf den
zehenspitzen ohne gegen

wehr und ohne sinn und ohne
syntax ohne irgendwas das
dieses fließen langsam macht
es ist die flut von fern gesehen
as time goes by

aus dem kollektiven gedächtnis
eine stadt in nordafrika und ein

flüchtling ein tscheche mit namen
aus ungarn erreicht nur mit not
noch die stadt auf der suche nach

visa für sich und die frau die aus
norwegen kommt oder schweden
wir jagen ihm nach aus kollektiv

vergessenen schwarz-weißen auch
völlig beschädigten bildern
fronleichnam

die bedeutung ist gekommen
eine leiche die nicht sterben kann

tauben gurren auf dem fensterbrett
tuscheln: die leiche wird an land
gebracht. ich warte stundenlang.

ich weiß die tauben gurren noch:
sie spricht jetzt mit dem bürger
meister, verhandelt ein ernstes

geschäft. wann endlich kommt sie
und klingelt an meiner tür
rekursion im august

die jalousien sind runtergelassen
nur einige unvermeidliche ritzen
verraten dass draußen sommer ist

wo alles sich durch licht beweist
und schatten, code der unentziffert
bleibt im leselicht in dem du

träumst von einem gegenglück:
dem gegenglück: dem gegenglück:
getaway

da bist du also weggerannt
von deinem podium als jemand
dich auf joyce ansprach und

stolperst immer noch durch
trümmer bis du mich entdeckst
ein halbes autowrack und

sinkst auf meine rückbank
hoffst auf märchenhaftes aber
ich bin auch nur ein vehikel

das nicht fährt das einzig
märchenhafte ist der papagei
dem du auf deiner flucht

begegnet bist und der dir
in den finger biss und quäkte
schreimse ma was eifaches

(für Thorsten Krämer)
klinken

kleine dinge wie klinken
zum öffnen und schließen
von türen kauft man im
baumarkt ganz nebenher

sucht man aus was zum haus
passt aus messing verchromt
mit kosten im kopf macht es
sinn gleich zwei garnituren

zu kaufen: eine öffnet
im sommer die türen, die andere
schließt sie im winter

keiner bemüht sich um klinken
die doch nichts tun als türen
öffnen und schließen
samsa

mein auto ist ein samsa ein
großes ungeziefer das fliegen
fängt während der zick-zack-
förmigen fahrt es ist völlig

autonom es braucht keinen
strom wie hat sich die technik
doch entwickelt denke ich oft
noch gestern war alles metall

und zahnrad heute trägt uns
organische masse in einem
random walk von a nach b
im zug

im zug zwischen mehreren leben
nachts von schlaf benommen und
gehölz gewunden von gedanken
ragt in diesen hohlraum holzraum

in den kopf und auf dem display
neben mir während ich den weg
verlier navigation zwischen leben
an knotenpunkten städtenamen

wetzlar treysa marburg gießen
lotterie geworfene münzen den
erinnerungen aus dem mund unter
der zunge hervorgezerrt bestimmen

die ziele die wachsenden hölzer
im stirnbogen lichtreflex aus dem
mund dem internet zerstreutheit
zwischen den leben den mündern

die mir zureden mir von da und
dort her raten mich als einzige hier
im wald beim namen nennen

(für A. K.)
in god we trust

sagt er und zeigt auf einen franklin
sagt sie in einem auto das nicht fährt
du musst schon irgendwem vertrauen
sonst stehst du bald alleine da

die beiden kratzen alte schrammen
starren ins leere und sie sitzen zur
verschrottung reif im müll wie soll
das weitergehen fragt man sich

und knutscht herum im autokino
aus dem man sich im auto fort
bewegt das aber wie bereits
erwähnt nicht fährt
sabberndes herz

heißen: brei & name: z.b. maria
starre steifen augs ins décolleté
der frau (rillen in der münze die hier
anfassbaren sinn vertritt) sabberndes

herz & hände in der bahn der
gewohnheit drehn aus ermanglung
einer münze ein kondom in der tasche
kleider machen angezogen &

der ungewöhnliche blickfang
verschwindet hinter mauern. ich
setz den weg zum sprachkurs fort
der fluss

mit mythen aufgeladen (styx und
lethe) liegt der fluss im dunkeln
ich ging mir selber auf den piss
mit diesem zucken der reflexe

von lichtern auf der brücke oder
spuren aktiver nervenzellen
sichtbar aber flüchtig – ich
ging mir selber auf den piss –

trägt der fluss die gegenwart
aus meinem köln verdichtet wie
ich noch in beziehung war
awake

are you awake, my love?
we have not seen each other
for so long, please send a sign
when you are still awake

I cannot sleep without a bird
singing on my window board


(to the letter R)
was nicht geschieht

sie ruft an
der cafébesitzer gibt ein bier aus

der nachrichtensprecher meldet
prince und david bowie seien nicht tot

da liegt ein brief auf dem tisch
von meinem ebenfalls unverstorbenen vater
er habe es nicht mehr ausgehalten sagt er
da (also hier) im absurden europa

dieser schrecklichste aller innenminister
tritt endlich zurück – einfach so

ich höre auf zu rauchen
ich sage nein danke zum bier
das der cafébesitzer mir hinstellt

das telefon klingelt
etwas fehlt

hinter mir ein geräusch
als sei was zu boden gefallen

die hände huschen in die
hosentaschen suchen münzen
telefon schlüssel –

nichts fehlt und auch
die zigaretten finden sich
in der brusttasche –

aber das gefühl dass etwas
fehlt bleibt
araby

langsam gehen die lichter aus
und die markthallen verkleinern sich
oder werden sie größer? zwischen

fetzen von geschmack und sport
artikeln zwischen desinteressierten
verkäuferinnen und müder logistik

zwischen rückenschmerz und waren
wirtschaft weckt eine werbung für
mundwasser vielleicht oder tabak

noch einmal eine hoffnung damit
die unerfüllbarkeit auch morgen als
überraschung in dein leben tritt
gemüse

hundert sätze die aussehen wie fake aber
echt sind und zu euch wollen auf tomaten

dosen und die tomaten machen das bunt
nein nicht die tomaten sondern die farbe
der gemalten tomaten auf der dose unter

der schrift dieses rot wie auch das grün
der gurken im glas das aussieht wie fake
aber echt ist dem gemüse hört zu wenn ihr

zeit habt es hat hundert sätze die aussehen
wie fake aber zu euch wollen in echt
rashōmon

im glanz der regennassen
plakate die sich den platz
streitig machen im auge
der vorbeihuschenden

im getuschel der leute die
mit einkaufstüten im schutz
der unterführung den regen
abwarten als bedrohe er sie

lauert gefahr

nimm einen tropfen aus
dieser erzählung und füg ihn
deiner eigenen erzählung hinzu
44

vierundvierzig noch voll hoffnung
jetzt aber keine mehr zumal

in der von frankreich zugestellten
post von dir nie was dabei ist
hab beschlossen dir das alles

aufzuschreiben in der hoffnung
dass du es liest eines tages
falls du noch lebst es liest sich

furchtbar von zuhaus der russe
steht bei görlitz und die westfront
nähert sich dem rhein wir haben

nicht mit freundlichkeit gerechnet
mit mehr verständnis aber doch
im blickfeld der toten

schreib das hier noch eben zu ende
und dann nimm endlich die pillen

man bleibt im blickfeld der toten
doch schaut man sich um
schließen sie hastig die fenster
der beamte reicht mir ein foto

auf dem ich mich selbst erkenn
und sagt: es spielt keine rolle
ob die bilder den lebenden gleichen
man bleibt im blickfeld der toten

schreib das hier noch eben zu ende
und dann nimm endlich die pillen
(passagen

vorm friedhofstor in den
sandbedeckten steinknochen

getriebener schacht im quer
schnitt ein sarg den ich
die stufen runtergeh und seh

durch die plexiglasscheibe
da unten die an riffen schaum
schlagenden wellen dem ge

dächtnis der namenlosen die
sich bald wieder im wasser auf
lösende spur ist die historische

eine seltsame konstruktion und
mich selbst gespiegelt geweiht)
solaris

die toten eltern steigen dir nach
die toten geschlechtspartner steigen
dir nach die toten weichen zurück

aus ekel vor dir die toten fühlen sich
rein die lebenden spermabefleckt
bringen sich um den toten läuft dein

gehirn aus dem mund sie wollen
dir helfen sie wollen sich nähern
sie kommen näher sie kommen
romero

zombies betreten das kauf
haus sie nähern sich fressen

das leben wo sie es finden
und da es zombies sind

fragen sie nicht ob es weh
tut ahimsa ist nicht das
prinzip ihres daseins
geräusche

ständig klappern geräusche
die schwer bestimmbar sind:
von fern klingt liebe nach arbeit
ein paar liebt gewalt oder streitet

leben ist rhythmisch und singt

die kinder der nachbarn lachen
weil kinder fürs lachen sind
wenn vater kommt wird es ruhiger
weil väter für ruhe sind

leben ist rhythmisch und singt

das röcheln im ausguss ähnelt
dem husten im erdgeschoss
einzelnes stirbt und das ganze
scheppert irgendwie weiter
andenken

er war so raunt es kommunist
es raunt KZ acht jahre lang

genaues weiß man nicht er war
noch nach dem krieg aufgrund
von rübendiebstahl eingesperrt

gestorben schon vor der geburt
meiner geburt ganz ohne bild
und ehrengrab nur scham und

dieses raunen: halb gewusstes
ausgestreut wie asche im meer
welten

vom meetingraum der blick auf den
wohnblock wie unterschiedlich die
welten da und bei uns hier putzen
männer die vom dach aus abgeseilt

werden die fenster sie tragen schutz
helme da putzen waghalsige frauen
sicherungslos über dem abgrund und
kümmern sich um nichts während

unsere putzer freundlich zurück
nicken wenn der vortragende grüßt
vermeer

frauengeschichte milch dämonen die
klitzeklein in dieser küche tanzen

wohlverhüllt die euter und das haar
der unterleib in rot und da was unterm
rock erhitzt auch milch und haube und

die farbe blau und eine kahle weiße
wand im hintergrund das fenster links
verrät dann doch was diese küche ist:

das wieder anders ausstaffierte atelier
mit frau und tanzenden dämonen
chiaroscuro

mir ist wie wir ins taxi steigen
die ganze sache schon peinlich sie

kommt die treppe vom bahnhof
herunter zwei männer uns noch
unbekannt kreuzen ihren weg sie

steigt ins taxi wie wir die reifen
quietschen auf nassem asphalt
die lichtquelle hinter schatten

unseren huschenden schatten
rasselt im inneren draußen: sie
sha la la

sie reichte mir den hörer es
war thurston und er sagte und
kim sagte die andere kim sha

la la
und es war thurston er
reichte mir den hörer und kim
sagte die andere kim little
trouble girl
es war thurston

er sagte bad news und kim
sagte die andere kim stormy
weather
und ich dachte an
mike es war aber thurston

er sagte kurt und kim sagte
die andere kim sha la la und
sie reichte mir den hörer
hannah

sie geht durchs museum
betrachtet die mörder
aus wachs das huschen
der schatten macht sie

nervös gequatsch aus
europa macht sie nervös
jerusalem fordert gefühl
sie bemüht sich halt

zu finden zu geben ich
habe niemals formuliert
sie ein kollektiv geliebt
clara

willkommen im fritz haber institut
hier studiert man den perfekten mord

einer habers größerer erfolge: tausend
junge männer tot auf einen streich und
viele andere erblindeten er fand ein gift

und nannte es zyklon (noch ohne b) und
später der nobelpreis und hier im garten:
ein gedenkstein der an seine frau erinnert

die sich selbst erschossen hat – warum?
ach! da steckt man halt nicht drin...
to nikki bell

es war nicht meine absicht hier so offen
rumzuliegen dass du mich lesen kannst

oder gar musst. deine mutter hat in alten
sachen gekramt gekritzel gedichten von georges
bataille und william blake und schlimmerem

und dabei staub aufgewirbelt in dem sonst
staubfreien wohnzimmer und dabei mich
produziert und auf dem tisch vergessen

jetzt kommst du aus der schule und liest
komm eines tages denn mit deinen texten
spessart

lametta à la schlange im laub
zwei burschen durchs gebüsch

im glanz der weihnachtskugeln
frisieren räuber sich häng bloß
nicht auch noch hirsche hin

zitier auch keine römer was im
kino läuft lass unerwähnt für
themen ist der wald zu finster

bis zum wirtshaus mische bloß
mediales nicht mit medialem
okapi im zoo

im technischen zeitalter öffnet sich
eine stahltür und herein tritt ein wesen
halb giraffe halb zebra stehen
geblieben am wegrand der evolution

du kannst es dir nicht verkneifen
zückst dein smartphone und schießt
ein foto halb selfie halb gedicht
selbstbeschreibung

plötzlich klappert die alte maschine
seit jahren steht sie nur ausgestellt
zusammen mit anderm alten gerät
darunter auch eine staubige contax

und sie erzählt uns ihre geschichte
von den gesprächen mit den andern
die ganze zeit und dass sie wünscht
was sie hervorbringt wären nicht nur

diese kleckse auf papier sie möchte
wie die kamera bilder machen nur
wirklicher nämlich bewegte bilder

lebende wesen mit echten wünschen
echtem gefühl und sie verzweifelt nur
wieder von maschinen zu schreiben
kraftwerk

ein gedicht ist eine maschine
klein oder groß die aus wörtern
gemacht ist auch deine knochen
haben so eine kleine maschine

leben ist eine maschine aus licht
ein wort ist eine maschine die
aus morphemen besteht ein film
ist aus schnitten und montagen

aus lichtempfindlichem material
ein haus ist eine wohnmaschine
atomkraftwerk ist ein wort aus
maschinen und energie musik

besteht aus nullen und einsen
birnen sind äpfel die leuchten
liebe ist eine als lüster getarnte
maschine die flüstert morpheme

sind aus klängen und reimen und
natur besteht aus maschinen die
selbst aus maschinen bestehen
abspann

der moment in dem du im kino sitzt
und siehst wie einer im film aus dem
kino kommt und musik aus dem saal
dringt durch die offene tür durch die

zuschauer ehemalige zuschauer des
films herausströmen aus dem saal
in dem gerade noch der film lief und
immer noch der abspann läuft nein

nicht dieser moment eher der andere
später während du wie betäubt vor
dem abspann deines films sitzt und

dir dämmert dass die musik die du
hörst die ist die du gehört hast als
der im film aus seinem kino kam
vincent

vincent malte sagen sie die dinge
wie er die dinge die er malte sah

er sah das sagen sie die dinge dick
mit farbe rhythmisch in spiralen ein
geschmiert als sternenwind vielleicht

als unbekannte macht vermuten sie
sie sehen dinge sagen sie mit farbe
rhythmisch in spiralen eingeschmiert

die vincent malte sagen sie als er
sie sah wie er sie malte sagen sie
meldung

der dichter will leben bitte
deaktivieren sie ihren adblocker
oder schließen sie einfach die
augen diese zeilen kommen

mit lichtgeschwindigkeit auf
sie zu glauben sie denn das sei
umsonst? was keiner bezahlt
sei folgerichtig verschwiegen
ungeschrieben

ungeschrieben ist das gedicht
was du hier siehst ist nicht das
gedicht es ist nur der zwischen

raum zwischen den zeichen die
zu jenem gedicht gehören es ist
nur frage ohne antwort antwort

zu der du die frage nicht weißt
es ist ein wort ohne inhalt wie
sehnsucht das trotzdem wehtut
siebzehn

was hier beschrieben steht ist
unsichtbar ein zeilengrab in dem
du weggekommen bist was hier

beschrieben steht besteht nicht
mehr ich hab dir doch gesagt
du sollst für nachwuchs sorgen

stattdessen bist du weg und alle
sagen was der hier beschreibt
ist ausgedacht als wirklichkeit

doch gar nicht möglich hättest
du dich rangehalten könnt ich
leicht auf deine brut und damit

auch auf dich verweisen und
du und das hier wären doppelt
achtzehn fünf

seitdem ich denken kann begleitet
diese stimme mein holpriges leben
mein holpriges denken seitdem ich
denken kann holpern alle zur tanz

fläche wenn diese stimme erklingt
seitdem ich denken kann denke ich
an mein holpriges leben wenn diese
stimme erklingt ein schrei des ent

setzens über das holprige leben die
routine die zubeißt und das schlaf
zimmer das kalt ist immerhin lebe

ich noch seit dem achtzehnten mai
ist die stimme da in meinem kopf
das leben und denken das holpern
der unbekannte

der unbekannte lächelt aus dem bild
er trägt eine uniform er ist gefallen

in den letzten wochen des krieges wo
ist unbekannt und unbekannt ist auch
warum er den lieben langen krieg am

schreibtisch verbracht hat bevor der
befehl kam die uniform ist allerdings
nicht ganz so unbekannt die familie

hat sein leben dann nicht wirklich neu
erfunden eher ‘nicht gut recherchiert’